Sardowskis Enkel - Elians Leichenjagd, Leseprobe
Kapitel 1
Er schlenderte über den Friedhof, sehnte sich nach den sorglosen Zeiten mit Leichen im Überfluss. Vorbei. Elian Korsch war gezwungen, sich die Toten zusammenzusuchen. Viele Bestatter teilten sein Problem. Sie litten im Stillen, hofften auf ein Wunder oder gaben ihren Beruf auf. Andere kämpften erbittert um die Verstorbenen. Zum Teil gingen sie äußerst brutal vor, wenn sie versuchten, als erster den QR-Code auf dem rechten Ohrläppchen der Toten zu scannen.
Im Jahr 2075 war es der KI durch medizinischen Fortschritt, einer ausgeklügelten Ernährungsstrategie und einem Sportprogramm für alle, gelungen, den Tod als solchen ins Jenseits zu befördern. Jedenfalls galt das für die unter 150-Jährigen, wenn man von Unfällen oder Straftaten absah. Die Sterberate stieg erst ab dem 160. Lebensjahr leicht an.
Dennis Sardowski wäre in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden. Er hätte den Geburtstag bei allerbester Gesundheit genießen können. Allerdings war Elians Opa ein Opfer seiner psychisch gestörten Lebensgefährtin geworden. Elian wusste kaum etwas Konkretes dazu. Seine Mutter sprach nicht gern über das damalige Drama. Von allein erzählte sie nie davon. Wenn er nachfragte, antwortete sie stets mit den gleichen Worten: «Mach dir keine Gedanken. Das ist lange her. Er hat sich eben die falsche Frau ausgesucht. Sie wusste seinen Erfolg nicht zu schätzen. Da musste es irgendwann zu einem Unglück kommen.» Wenn sie das sagte, bekam seine Mutter einen angewiderten Gesichtsausdruck. Sein Vater bat ihn, in solchen Momenten, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Auch in Bezug auf seinen Beruf. «Willst du dich wirklich in das Heer der arbeitslosen Bestatter einreihen, weiterhin am Hungertuch nagen, selbst zugrunde gehen? Oder abdrehen wie diese Klöbner?»
«Wie war sie denn überhaupt?», hakte Elian dann meistens nach.
«Das weiß ich nicht. Sie war schon in medizinischer Obhut, als ich deine Mutter kennenlernte.»
«Was hat sie denn mit Opa gemacht?»
«Weißt du», redete Bertram sich heraus, «es gibt Dinge aus der Vergangenheit, die am besten genau dort bleiben. Wie ich vorhin schon sagte.»
Die Gespräche über Dennis Sardowski und seine Lebensgefährtin verliefen immer ähnlich, oft mit nahezu gleichem Wortlaut.
Der DeadBodyAlert leuchtete auf. Elian rief die frisch eingetroffenen Sterbenews ab, rannte zur Sammelstation und hoffte, als Erster bei dem Verstorbenen anzukommen. Wenigstens eine Leiche, wenigstens diesen Monat, wenigstens einen Coupon erhalten. Für die nächste Mahlzeit. Seine Gedanken kreisten um einen Kugnik-Jogh und einen fruchtigen Mineraldrink mit Pfirsichgeschmack. Vergessen war das Schicksal des Opas. Für den Moment zumindest. Sein Herz schlug gegen den Brustkorb. Zu schnell gerannt. Zu hektisch. Zu nervös, weil die Transportkabine voll besetzt war. Die nächste würde erst in zwei Minuten kommen. Vielleicht zu spät, um erfolgreich zu sein. Er prüfte die Nachricht, konnte sich keinen Fehler leisten, womöglich eine Kabine in die falsche Richtung zu besteigen. ‹Leblose Person auf der Josefstraße, Ecke Marienallee, nächstgelegene Station: SaSta6.› Sekunden später saß er in einer freien Transportkabine auf dem Weg zur Sammelstation 6. Diesmal musste er es schaffen, sich den Bestattungsauftrag zu sichern.
Wieder ein Misserfolg, denn Levi Brins beugte sich bereits über die Verstorbene und scannte den QR-Code ein. Ein weiterer Glückstag für Elians besten Freund, der innerhalb der letzten vier Stunden die zweite Leiche für sich beanspruchte. Wie üblich prahlte er damit und wie üblich überging Elian die Angeberei. Er war viel mehr auf dessen Methode fixiert. «Wie schaffs du es bloß, immer vor mir einzutreffen?»
«Ich bin eben wachsam, mein Bester! Vielleicht solltest du deine Sterbenews einfach öfter abrufen.»
«Noch öfter? Sobald der DeadBodyAlert aufblinkt, check ich die Adresse und ras los.»
«Dann suche dir ein anderes Abo. Deins scheint nichts zu taugen. Du kommst doch nie pünktlich an.»
Welchen Service er selbst nutzte, behielt Levi für sich. Sosehr Elian ihn auch bedrängte, es blieb sein Geheimnis, trotz ihrer engen Freundschaft. Levi blieb hart, obwohl er sonst hilfsbereit war. Für die wenigen verfügbaren Aufträge forderten die meisten Bestatter gelbe Essenscoupons an. Im Prinzip waren sie dazu gezwungen, auf die frei einsetzbaren blauen Coupons zu verzichten. Somit fehlte die Grundlage für neue Kleidung. Levi überließ ihnen daher manches Mal seine Bestatterkluft, die er eigentlich nur verliehen hatte.
Levi verfügte über ausreichend blaue sowie gelbe Coupons. Meistens stopfte er sich mit einem Vitaminriegel und einem Proteinriegel und einem Kugnik-Jogh voll. Dazu nahm er immer einen Mineraldrink. Nie gab er sich mit dem kostenlosen Wasser zufrieden.
«Was darf es für Sie sein?», wollte der Automat der Ernährungsstation ErNSta-87a wissen.
Nur kurz hielt Levi inne, bevor er sich an einen Vorschlag wagte: «Komm, ich gebe dir einen aus, mein Bester.»
Der Automat warnte: «Coupons sind nicht übertragbar! Bei Verstoß droht Entzug!»
«Ich will ihm ja gar keinen Coupon geben.»
«Die von Ihnen bestellten Riegel sind für Ihren persönlichen Verzehr bestimmt! Entnehmen Sie Ihre Bestellung und begeben Sie sich sofort an Ihre Sitzplätze! Was darf es für Sie sein?»
Der nächste Kunde löste etwas verunsichert seinen Coupon ein. «Ein Proteinriegel, bitte.»
Elian und Levi setzten sich an die lange Bank gegenüber der Ausgabeautomaten. Ein Aufsichtsrobot verharrte an ihren Plätzen und scannte jeden einzelnen von Levis Bissen. Die Freunde ignorierten sowohl die missbilligenden Blicke der anderen Gäste als auch den kaum von Menschen zu unterscheidenden Androiden. Sie redeten über alte und moderne Zeiten, über die Vor- und Nachteile ihrer Gesellschaft. Gespräche mit einem politischen Touch wurden geduldet, waren jedoch nicht gern gesehen. Der Aufsichtsrobot blieb und schwieg weiter. Die anderen Gäste wandten sich ab. Einem, der ohne Erlaubnis Nahrung weitergeben wollte und seinem Begleiter, der mit der vermeintlich guten, alten Vergangenheit anfing, widmeten sie lieber nicht ihre Aufmerksamkeit. Es könnte zum Nachteil werden, wenn sie in Verdacht gerieten, mit KI-Regierungskritikern zu sympathisieren.
In Levis Augen war das Hinterherjagen nach nostalgischen Werten sinnlos. Der Fortschritt ließe sich weder aufhalten noch zurückdrehen. Elian sah die gesellschaftspolitischen Entwicklungen skeptisch. «Wie kanns du das alles als fortschrittlich bezeichnen? Wir dürfen kein Millimeter vom Regelwerk abrücken.»
«Immer wieder dieselbe Leier, mein Bester. Das nervt. Was soll schlecht daran sein, dass uns die KI ein gesundes Altern und ein langes Leben ermöglicht?»
«Sieh uns doch an. Wir müssen unter Aufsicht uns’re Riegel, die Mineraldrinks und den Nachtisch einnehmen. Stört dich das denn gar nich?»
Die Leute sahen zu ihnen herüber. Manche drehten sich weg.
«Nein. Wieso denn? Es ist doch gut. Zuhause fällt kein Dreck an, wir sparen uns den Einkauf, müssen nichts selbst zubereiten und werden allerbestens versorgt. Du siehst immer alles schwarz. Bloß, weil du keine vernünftigen Abos hast.»
Der Aufsichtsrobot begab sich an den nächsten Tisch. Was er gehört hatte, beruhigte ihn. Einer der Menschen lenkte den anderen in die richtige Richtung. Kein Grund also zur weiteren Überwachung. Eine entsprechende Nachricht an Dr. Aglus stufte er daher als ‹unnötig› ein und schob sie in den temporären Löschordner.
Levis Smartphone meldete sich. Er trank seinen gelben Mineraldrink mit Geflügelgeschmack aus. «Ich muss weg, mein Bester. Gerade eben erreicht mich die Nachricht, dass die Verstorbene aus der Josefstraße in meinem Institut eingetroffen ist. Bis demnächst. Melde dich, ja?»
«Könnt ich dir nich helfen? Du hass doch zwei Leichen.»
«Was soll das? Du hast es eben selbst gehört. Die Coupons sind nicht übertragbar. Besorge dir eine eigene Leiche. Viel Glück!»
Elian nippte an seinem Wasser, das er ebenso gut zu Hause hätte trinken können oder an einem der zahlreichen Trinkbrunnen, die überall in der Stadt verteilt waren. Da wäre er nicht angestarrt worden. Doch er blieb in der Ernährungsstation sitzen und dachte über seine Freundschaft mit Levi nach. Die Gespräche mit ihm wurden immer oberflächlicher. Zudem fand er alles brillant, was die KI an Neuerungen brachte. Elian beabsichtigte überhaupt nicht, die modernen Errungenschaften ins Negative zu rücken. Dennoch hinterfragte er, im Gegensatz zu seinem Freund, die Regularien der Regierung. Ihn interessierte außerdem, wie es der KI gelungen war, optimale Ernährungsriegel in zehn unterschiedlichen Geschmacksrichtungen herzustellen. Und wieso sie ein Geheimnis aus der Rezeptur machte, obwohl sie damit lediglich ihrem Auftrag folgte, den Menschen möglichst lange vital zu halten. Für eine gesunde, leistungsfähige Gesellschaft.
«Verlassen Sie bitte den Sitzplatz oder lösen Sie einen Ernährungscoupon ein.» Der Aufsichtsrobot riss Elian aus seinen Gedanken.
«Schon gut, schon gut. Ich geh ja schon.»
Zuhause angekommen, goss er sich ein Glas Wasser ein. Er legte sich aufs Bett und dachte an seine Jugendzeit, vermisste den Duft frisch gemahlener Kaffeebohnen, spürte fast den Geschmack einer Schwarzwälder Kirschtorte auf der Zunge, sehnte sich nach einem Brathähnchen und einem Bier. Alles zu ungesund, hatte man irgendwann befunden. Wenn er sich richtig erinnerte, war ‹Unsere Umwelt›, kurz ‹UnsUm› die ausschlaggebende Partei, die den großen Umbruch einleitete. Sie setzte die Umweltkonformität der Menschen durch, zunächst national, später international, über alle kulturellen Unterschiede hinweg. Ob es schon zuvor abgemilderte, womöglich indirekte Regelwerke oder als Empfehlung getarnte Bestimmungen gab, das wusste er nicht mehr mit Sicherheit. Fest stand, dass man seit den Herbstwahlen 2045 als Berater des KanzlerIns auf Dr. Aglus setzte, einen Androidenarzt. Zwanzig Jahre zuvor hatte man ihm die medizinische Leitung auf der Teststation eines Seniorenheims anvertraut. Eine Fehlentscheidung, wie sich nach kurzer Zeit herausgestellt hatte. Damals steckte die KI noch in den Kinderschuhen. Es war zu Todesfällen gekommen, die auf einer Fehlprogrammierung basierten. Doch die erforderliche Nachjustierung war erfolgreich verlaufen, sodass im Anschluss ein gefahrloser Einsatz sichergestellt werden konnte. Zum Nutzen aller. Die Sprachmodule funktionierten heute einwandfrei. Zum Teil gab es hölzerne Antworten, je nach Art der künstlichen Dienstleister. Automaten hinkten den Kommunikationsmöglichkeiten der humanoiden Fabrikate deutlich hinterher. Obwohl alle das Gendern problemlos beherrschten, waren sämtliche von der ursprünglichen Grammatik abweichende Varianten der Sprachkultur aus der offiziellen Kommunikation verschwunden. Zur Vereinfachung der Gesetzestexte, die, bis auf die Datenschutzerlasse, kurz gehalten waren, damit sie von der gesamten Gesellschaft verstanden wurden.
Elian wischte Staub, lief durch die Wohnung, rückte Stühle sinnlos hin und her, platzierte die Kissen auf dem Sofa neu, setzte sich in den Relaxsessel und sprang plötzlich hoch. Du meine Güte! Das heutige Training. Hätt ich fast vergessen! Er schwang sich aufs Speedbike, loggte sein Smartphone in die persönliche Sportcloud ein und trat in die Pedale. Er schloss die Augen, suchte verzweifelt nach einer Lösung für sein Dauerproblem, kam gedanklich jedoch immer wieder auf das politische System und den damit zusammenhängenden Problemen zurück. Starben manche Berufe auf natürliche Weise aus? Wie zum Beispiel der des Taxifahrers. War die politische Entwicklung wirklich schuld an seiner Misere?
Ein KanzlerIn, ein KI-Gesundheitsminister, der gleichermaßen als KanzlerIn-Berater tätig war und einer Exekutive, zur Hälfte mit Menschen besetzt, zur anderen Hälfte mit hoch modernen Androiden. Das System hatte sich durchgesetzt. Jeder Staat besaß einen Maschinen-Menschen der Modellreihe ‹Aglus›. Die Polen hatten einen Doktor Aglosz, die Niederländer einen Dokter van Agloes, der japanische Gesundheitsminister hieß Dokuta Aglayashi, der türkische ... International vereinheitlichte Regierungssysteme, eine Entwicklung einzig zum Wohle der Menschen? War die immer größer werdende Vermischung von Maschine und Mensch sicher? Warum galt es als verpönt, in der Öffentlichkeit darüber zu reden?
Jede Menge unbeantworteter Fragen, die Elian für den Moment begrub. Er musste endlich einen Toten finden. Sein Magen knurrte seit Tagen.
Er checkte das Ergebnis der halbstündigen Radtour im Wohnzimmer. 14,3 zurückgelegte Kilometer. Tagespensum erreicht. Ausloggen. Fertig. Er stieg ab und begann mit der Suche nach einer Alternative für seinen DeadBodyAlert. FastOpt – brachte nicht nur Sterbenews, sondern Eilmeldungen aus allen möglichen Lebensbereichen, also wertlos. DarkAngel – derzeit im Beta-Modus und somit nur bedingt verlässlich. Death-OnTop – ein vielversprechender Name, angeblich permanent verfügbar, störungsfrei, sicher, schnell. Er lud die App herunter, installierte sie, bekam umgehend eine Adresse, auf der gleich mehrere Verstorbene zu finden sein sollten. Er stieß sein Glas Wasser um, raste los, stürmte zur nächsten Sammelstation, erreichte eine soeben einfahrende Transportkabine und freute sich auf einen zum Greifen nahen Coupon. Noch zwei Stationen. Er fischte in seiner DeathOnTop-App nach einem integrierten Abholservice, fand das Modul, las die rechtlichen Hinweise, akzeptierte sie und stellte fest, dass zur Aktivierung ein Coupon vom Konto abgebucht werden würde. Elian regte sich laut auf, fluchte. Die Transportkabineninsassen ihm gegenüber musterten ihn skeptisch, zumal er die Kabine bei der Einfahrt fluchtartig verließ, in Erwartung eines Leichenberges. Er prüfte die Stationsnummer, SaSta6, checkte die Info in seiner App, alles richtig. Leichen? Fehlanzeige. Eine einzelne Leiche? Nein. Vielleicht über der Sammelstation, vielleicht in deren Nähe, vielleicht ... Sinnlos. Die Leute wuselten hin und her, manche hektisch, andere gelassen, Kinder, Jugendliche, Alte, ganz Alte. Die unterschiedlichsten Menschengruppen und Einzelpersonen, mit einer Gemeinsamkeit: Sie lebten. Hier gab es weit und breit niemanden, der auch nur ansatzweise einer Leiche glich. Frustriert und hungrig machte er sich auf den Heimweg. Zu Fuß. Er dachte nach, über sein Pech, die Qualität der App und erst jetzt fiel ihm auf, dass mehrere Leichen auf einmal mehr als fraglich gewesen wären. Die Transportkabinen bargen keine Risiken, höchstens die SaStas selbst. In einem Wasserbad könnten viele Menschen verunglücken, vielleicht, durch kollektives Ausrutschen. Blödsinn. Der gemeinschaftliche Herzinfarkt einer Gruppe Einhundertsechzigjähriger auf einem Spaziergang. Albern. Je länger er darüber nachdachte, desto mehr gelangte er zu dem Schluss, dass weder die neue App etwas taugte, noch sein Beruf Zukunft hatte. Letzteres war ihm ohnehin klar gewesen. Seine Eltern hatten ihm oft genug damit in den Ohren gelegen, doch er hatte es nicht wahrhaben wollen. Gedankenversunken verpasste Elian eine wichtige Nachricht aus dem Regierungskanal My@App:
‹Mit Bedauern geben wir einen gewaltsamen Tod bekannt. In der Beringerstraße 23 fanden Exekutivrobots eine männliche Leiche mit eingeschlagenem Schädel. Die menschliche Polizei ermittelt in Zusammenarbeit mit der KI-Exekutive. Hinweise zur Tat werden mit 2 Coupons belohnt. Interessierte Bestatter melden sich bitte in der Kondolenzcloud.›